über den Sinn
- Ronald

- vor 8 Stunden
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Vor vielen Jahren bat ich einen Freund, der neben einem musikalischen auch ein überaus ausgeprägtes bildnerisches Talent aufwies, etwas für mich zu zeichnen. Ein Auftragswerk quasi. Es sollte mich eine Kleinigkeit kosten. Einerseits kam ich in den Genuss, mich als Mäzen fühlen zu dürfen, andererseits sollte dieser Akt unserem Projekt eine gewisse Ernsthaftigkeit verleihen. Gut, es half auch, den zeitlichen Rahmen so zu setzen, dass ich die Fertigstellung noch erleben würde können.
Die Idee dafür kam mir während einer Reise durch Belgien, die ich als Student unternahm. Auf den Spuren Philipps des Guten, Karls des Kühnen und Maximilian I. verschlug es unsere Gruppe auch nach Antwerpen. Ziel dieser Reise war es, sich einen umfassenden Eindruck vom beinahe 500 Jahre andauernden Kulturwandel zu verschaffen. Musik, Politik, Architektur, bildende Künste, also umfassende soziokulturelle Aspekte einer bedeutsamen Region, warteten nur darauf, von uns auf einen sinnvollen Nenner gebracht und ins damalige Heute übertragen zu werden.
Irgendwann stand ich also vor einem der großformatigen Rubens-Gemälde in der Liebfrauenkathedrale, während eine reizende ältere Dame, spezialisiert auf Ikonographie, gerade dabei war, meinen Horizont in diesem Bereich nachhaltig zu erweitern, oder anders ausgedrückt, die mystischen Geheimnisse, die diesen Gemälden zweifellos innewohnten, eigentlich erst zu offenbaren. Es war mir nämlich keineswegs bewusst, welch tiefgründiges Konstrukt, als Abbild einer Zeit, Kultur und Weltsicht unter diesen Schichten aus Ölfarbe verborgen lag. Mythologisches, Religiöses und Politisches verwoben zu prachtvollen Meisterwerken.
Da beschloss ich, mich damit intensiver zu beschäftigen. Es gab nur ein hartnäckiges Problem. Meine zeichnerischen Fähigkeiten ließen mich recht bald verzweifeln. Also kaufte ich Bücher und versuchte nach Anleitung Striche zu setzen, nur um immer deutlicher zu merken, dass meine Vorstellung sich durchwegs meinem Willen widersetzte, auf Papier gebracht zu werden. Kurzum landete ich recht bald in der Küche des oben erwähnten Freundes und bat ihn, mich zu unterstützen. Ideen hatte ich genug.
Es gab nur eine Bedingung. Ich wollte ihm dabei über die Schulter blicken dürfen. Eine einfache Zeichnung, nichts zu Komplexes, schwebte mir vor. Vielleicht ein okkultes Abbild jener Dinge, die in meinem Leben mit sich rangen und mir keine Ruhe ließen, und vielleicht in dieser Form zu einer stilvollen Komposition verwoben, als Anleitung für mein Handeln dienen könnten. Ohne es direkt ausgesprochen zu haben, hoffte ich, ein inneres Bild, das wohl sonst niemals das Licht der Welt erblicken würde, in seinen Kopf zu pflanzen. Während wir also plauderten - dann über ein komplett anderes Thema -, setzte er mit seinem Tuschestift ein paar lockere Striche. Es war so, als kämen diese schwarzen Linien aus dem Nichts. Er zögerte nicht. Ich versuchte, ihm zu folgen, sah aber nur Linien. Linien, allesamt irgendwie unscheinbar. Einige davon waren sehr gerade, andere wiederum zittrig und verbogen. Mehr als diese Ansammlung von Linien war für mich einfach nicht zu sehen. Unser Gespräch ebbte ab und wir beide fokussierten uns in Stille auf diesen Moment. Das sanfte Kratzen des Stiftes auf dem groben Untergrund war das einzige Geräusch, das übrig blieb.

Logischerweise begann ich mich zu fragen, was genau aus diesem Chaos werden sollte. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Noch dazu schien er sich einem vorläufigen Ende zu nähern, denn seine wortlosen, sich auf differenzierte Atemgeräusche beschränkende Äußerungen, sowie sich vom Bild lösende Körpersprache, verhießen eine gewisse Zufriedenheit, die ich beim Anblick des vermeintlichen Meisterwerkes so gar nicht nachvollziehen konnte. Hatte ich ihm genug Input gegeben? Ich sah nichts, nichts, was annähernd einem Bild entsprach, zumindest was ich darunter verstand. Ich dachte mir, ok, er will mich verarschen. Ich wollte jetzt nicht den verständnislosen Kritiker mimen, sondern einfach neutral bleiben. Es war ja schließlich möglich, dass er das ernst meinte. Dann würde ich ihn verletzt haben, und das wollte ich nun wirklich nicht. Also wartete ich noch, was irgendwie unangenehm war. Ich wusste nicht so recht, was ich jetzt tun sollte. Mich über eine wirre Ansammlung von Strichen freuen? „Na bitte, gleich haben wir’s.“, sagte er, während er sich zurücklehnte und zufrieden an einem Glas mit Wasser nippte. Schauen wir beide auf das gleiche Blatt, dachte ich doch recht verwundert. Und dann passierte etwas.
Ich bin bis heute davon überzeugt, dass es sich immer so abspielen muss. Ob es ein musikalisches Motiv ist, der letzte unbedingt zu setzende Schlag des Meißels auf den harten Stein, der Moment, in dem ein Knopfdruck das Unsichtbare auf ein Foto bannt oder eben der letzte Strich, der Chaos in Ordnung verwandelt. Ich weiß immer noch nicht, wie er das gemacht hat. Ich weiß nur, wie es sich angefühlt hat. Ich war sprachlos und ringe immer noch mit der Unzulänglichkeit, dieses Ereignis in Worte zu fassen. Ein letzter Strich, der wie die Prise Salz, aus Gewöhnlichem, Außerordentliches werden ließ. Das ist Magie. Zauberei, deren Ursprung und Ausdruck mein lieber Freund mir nicht erklären konnte. Da lag nur ein Bild vor mir. Ein für mich perfektes Bild. Jedes Element war an der richtigen Stelle, als ob es eine Macht unweigerlich dahin gezwungen hatte.
Ich habe dieses Ereignis gewählt, um daraus eine These abzuleiten. Man ist natürlich verführt, hier über den Schaffensprozess oder die Technik zu referieren. Einen Aspekt blendet man damit aber meist leider aus. Und während wir gerade in tausenden 'LinkedIn' -Posts und Beiträgen über eine unabänderliche Notwendigkeit aufgeklärt werden und immer mehr über Technik und Prozesse erfahren, wird der Sinn als Schnittstelle verschiedener Aspekte des Lebens auf einen reinen Zweck reduziert, der uns mit aller Gewalt übergestülpt werden soll. Sobald man sich aber mit dem Sinn, der all die Dinge vermeintlich stützt, beschäftigt, merkt man gleich, wie formwandlerisch dieser sich unserem semantischen Zugriff verweigert.
Betrachtet man also die Künste, lassen sie sich allesamt reduzieren auf eine schnell erfassbare Daseinsberechtigung. Es leuchtet ein, dass unser Alltag aus vielen Notwendigkeiten besteht, die sich zuerst als einfache Bedürfnisse und später als ausgeschmückte und verzierte Aspekte unserer Reaktion auf das Leben darstellen. Vereinfacht gesagt, gibt es eindeutig den Bedarf, sich zu kleiden. Dieser Bedarf mündet schließlich in die Kunstwerke von Christóbal Balenciaga. Wann wird aus dem einfachen Bedarfsgut, also dem Werkzeug, das dem Zweck dient, ein Kunstwerk? Und ist das Kunstwerk nicht auch nur ein Produkt eines Zweckes?
Musik ist nicht nur ein akustisches Ereignis, Musik ist nicht nur eine Anwendung gewisser Regeln, auf die man sich langwierig geeinigt hat und die man nun in unendlichen Varianten aneinander reiht oder miteinander verknüpft und verdreht. Musik hat einen Sinn. Die Künste haben einen Sinn. Sie sind Werkzeuge, die einer Funktion gerecht werden sollen. Wenn man so will, sind sie Gefäße, die wir imstande sind, mit Sinn, der aus unserem Dasein entspringt, zu füllen.
Der David von Michelangelo ist erstens ein unglaubliches Zeugnis größter Handwerkskunst. Dies mag beeindrucken und den Betrachter in Staunen versetzen. Er wird aber erst zum David, wenn er dem eigentlichen Sinn zugeführt wird. Also als Mittel, um einen Zweck zu erfüllen. Der Schwache, der Unterdrückte, wehrt sich und siegt schließlich. Florenz entledigt sich der Medici, und diese Statue ist ihre sinnbildliche Darstellung dessen. Keine Siegespose, keine übertriebene Aggressivität, sondern eine innere und äußere Schönheit und Gelassenheit, die vielleicht die Freiheit der Gedanken darzustellen versuchte. Diese Anreicherung, erst, bündelt die verschiedenen Aspekte des Schöpfers in seinem Werk.
Die Frage, die ich mir nun stelle, ist, ob dieser Sinn verloren geht, wenn wir die Kunst von uns trennen, wenn wir den Sinn gegen den Prozess tauschen und etwas, das sich als vermeintlicher Sinn tarnt, als neuen Unterbau unseres Daseins einsetzen, also wenn man die Funktion und das Werkzeug voneinander trennt. Eine Leere, die durch eine stetige Wiederholung und einen undifferenzierten, unreflektierten Umgang zu einem fatalen Axiom geworden ist, ist gerade dabei, die unerschöpfliche Quelle des Sinns zu ersetzen. Wir machen uns gerade sehr gewissenhaft daran, uns zu berauben, während wir uns reichhaltig mit Sinnlosem beschenken. Ich muss nicht mehr in der Lage sein, etwas zu können, solange ich in der Lage bin, meinen Wunsch zu artikulieren. Es reicht lediglich, einen Zweck zu definieren, um den falschen Sinn zu stiften. Und während wir vor einer sich unendlich auffächernden Menge an mächtigen Werkzeugen stehen, denen noch lange keine Funktion zugeordnet werden kann, reicht eine einfache Lüge, um uns der Wahrheit und Erkenntnis zu berauben, die der Schöpfung immer innewohnen sollte.
Das Versagen, das Ringen mit der Unzulänglichkeit, der ewig andauernde Feinschliff, die Unzufriedenheit und das Zögern. All diese Aspekte, die an unserem Schaffen nagen, gilt es zu überwinden und daran zu wachsen. So wird aus dem bloßen Zweck das ehrliche Bestreben ein uns darlegendes Kunstwerk zu schaffen und mit einer Bedeutung zu erfüllen, die Menschen auch Jahrhunderte später noch nachvollziehen können.
Immer wenn ich davon höre und sehe, was die KI an uns aushöhlenden Möglichkeiten bietet, denke ich an den letzten Strich, den mein Freund seiner Zeichnung beigefügt hat und der in magischer Weise daraus ein Kunstwerk werden ließ, das in seiner Entstehung wahrscheinlich auch ihn überrascht haben dürfte.
Kunst ist kein Schmuck, der unseren Alltag sinnlos bereichert, sondern sie ist eine wechselwirkende Kraft, die uns mit uns selbst und unserer Welt in Verbindung bringt. Sie ist ein Quell der Offenbarung. Sie dieses Sinnes zu berauben, würde einer Entmenschlichung des Menschen gleichkommen. Es geht um die Suche nach dem Sinn durch die Verquickung sinnstiftender Schnittstellen, nicht um das pure Kreieren leerer, repetierender, zweckdienlicher Inhalte, die sich alleine durch ihre Masse und Reproduzierbarkeit eine laute Stimme verschaffen und nicht durch den komplexen Entstehungsprozess.
Gibt es also das Sinnlose? Vielleicht konkreter formuliert: Ist Musik sinnlos, wenn sie von einer Maschine stammt? Ist Kunst sinnlos, wenn ein Roboter sie erschafft? Ich würde diese Frage mit einem Ja beantworten. Sinn entspringt uns Menschen, er nährt unser Denken und Tun. Er ist keine Konstante, die vor uns da war. Wir verleihen unserer kreativen Schöpfung Sinn, weil sie unserem Innenleben entspringt und wir sie durch unser Denken und Tun erschaffen.

Ich hatte eine Gänsehaut, als ich das Bild das erste Mal in den Händen hielt. Ich bin mir sicher, dass ich keine gehabt hätte, wäre es lediglich ein Ergebnis einiger „Prompts“. Die Transformation vom Handwerksstück zum Kunstwerk lässt sich nicht befehlen oder anordnen. Das Resultat würde uns nicht erfüllen. Es hätte keine Bedeutung, also welchen Sinn wollte man nun darin finden?


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